Eigentlich ist über dieses Thema ja schon viel geschrieben worden: Kann eine Kamera lügen? Ja, sie kann. Der Fotograf kann Standort, Bildausschnitt, Belichtung, Zeitpunkt und Perspektive so wählen, daß eine nahezu beliebige Aussage ins Bild gebracht wird. Er kann sogar von Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Bildern das auswählen, was seine Geschichte am besten transportiert. Das ist alles kein Geheimnis und erst recht nichts neues. Und trotzdem ist es immer wieder überraschend.
Bei Spiegel Online gab es heute mal wieder einen "Augenblick". So nen der Spiegel Bilder, die nur mit einem extrem kurzen Textstück versehen sind und eine aktuelle Situation beschreiben sollen. Folgendes Bild war es heute:

Ein interessantes Foto, wie ich finde. Es stellt laut Aussage des Begleittextes den Protest der Bewohner der Stadt Kut gegen die herrschende Benzinknappheit dar. Was sagt dieses Bild aus? Vordergründig sieht man eine offenbar wutentbrannte Menge, die lautstark gegen irgendetwas protestiert. Im Hintergrund steigt Rauch auf. Gut sichtbar im Vordergrund wird eine Pistole geschwenkt. Jeder, der dieses Bild sieht und den Begleittext liest muss unwillkürlich denken "Hey, der Irak ist ein gefährliches Pflaster!". Und er mag sogar recht haben.
Was aber sieht man eigentlich auf den zweiten Blick in diesem Bild? Denn das, was vordergründig zu sehen ist, ist nicht alles. Schaut man genauer hin, so stellt man fest, daß der Fotograf hier durchaus mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nachgeholfen hat, damit dieses Bild die ihm scheinbar angemessene Dramatik erhält. Erstmal steht er sehr dicht an der Menge und hat eine eher weitwinklige Aufnahme gemacht. So wirkt er mitten im Geschehen, quasi schon von der aufgebrachten Meute bedrängt (man achte auf das angeschnittene Gesicht am unteren Bildrand und die leicht unscharfen Hände). Des Weiteren hat er seinen Standort so gewählt, daß im Hintergrund Rauch aufsteigt. Es ist also nicht einfach eine Demo, sondern dort brennt (sprichwörtlich) die Luft! Achtet man ein wenig auf den Hintergrund, so fällt auf, daß sich offenbar keiner der dort Abgebildeten zu ähnlichen Entrüstungsstürmen hinreißen läßt, wie die fotografierten Männer im Vordergrund. Vielmehr stehen die Leute dort scheinbar teilnahmslos herum. Keine nach oben geworfenen Hände, kein wildes Geschrei, keine Waffen. Fast so, als wären die Proteste gar nicht so aggressiv. Sehr schön ist dieser Unterschied zwischen Vorder- und Hintergrund an dem Gesicht des Mannes am linken Bildrand im Hintergrund zu sehen. Er ist der einzige weiter weg Stehende, der dem Betrachter erkennbar das Gesicht zudreht. Er schreit nicht, sein Kopf ist nicht gerötet. Er schaut vielmehr interessiert, fast schon erstaunt. Und auf jeden Fall so gar nicht passend zur Stimmung der Leute im Vordergrund.
Hätte der Fotograf seinen Standort ein wenig geändert, sich etwas weiter weg gestellt, vielleicht etwas erhöht und hätte dieselbe Situation eingefangen, das Bild würde komplett anders wirken. Nach allem, was man aus diesem Ausschnitt beurteilen kann, wäre es wahrscheinlich eher eine Ansammlung von Leuten, die auf der Straße herumstehen. Von der vorgeblichen Dramatik wäre absolut nichts mehr zu spüren.
Ich wage nicht zu behaupten, daß die Proteste dort das Flair ein Kaffeefahrt der Späthippietruppe "Peace 68" haben. Kann sein, daß sie gewalttätig sind. Doch jeder, der Nachrichten konsumiert (erst recht, wenn sie mit derartig emotional besetzten Bildern dekoriert sind) muss sich darüber im klaren sein, daß die Kamera eine nahezu perfekte Lügnerin ist. Sie ist ihrem Besitzer verfallen und erzählt bei richtiger Benutzung jede Geschichte, die dieser sich wünscht. Das Konzept der "Objektivität eines Fotos" ist schon immer eine Illusion gewesen.