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Mittwoch, 22. März 2006Der 2. Korb der UrheberrechtsnovelleDas Bundeskabinett hat nun heute den sogenannten "Zweiten Korb" der Urheberrechtsnovelle beschlossen: ein Gesetz, um das in den letzten Wochen heftig gestritten wurde. Und, was soll man sagen? Die Zypries (für alle, die's nicht wissen: eigentlich unsere Justizministerin) kann eigentlich nur gekauft sein. Anders ist diese armseelige Show, die hier abgeliefert wurde, nicht zu erklären. Bis zu zwei Jahre Haft für kopierte CDs/DVDs. "Natürlich" bleibt die Kopie für den Hausgebrauch (bspw. als Sicherung, falls die DVD zerkratzt) weiterhin erlaubt, außer - und hier merkt man die ganze perfide Rotzfrechheit dieser Person - es wird ein Kopierschutz umgangen. Nun, diese Regelung ist nicht neu. Neu sind lediglich die Strafen. Bringt man beides zusammen, so entsteht allerdings ein interessantes Bild: will ich nun eine gekaufte CD sichern, um zum Beispiel das Original nicht mit ins Auto zu nehmen, so darf ich das nur, wenn kein Kopierschutz drauf ist. Faktisch bin ich also in einem Land, in dem quasi jede CD der großen Labels seit etwa 2002 mit einem Kopierschutz versehen ist, in diesem Fall immer mit Gefängnis bedroht. Es sei denn, der Staatsanwalt läßt Gnade walten. Ich habe also kein Recht mehr darauf, mit den von mir bezahlten Sachen zu tun und zu lassen, was ich will, sondern ich bin auf die Gnade des Staates angewiesen. Hurra! Schöne neue Zeit. Der absolute Skandal ist jedoch ein anderer. Wir erinnern uns: vor ein paar Monaten wurde im Rahmen einer EU-Richtlinie beschlossen, daß künftig alle Internetprovider die sogenannten Verkehrsdaten jedes Teilnehmers (also: wann wurde von wo nach wo eine Verbindung aufgebaut?) für mindestens 6 Monate zu speichern. Alle Proteste nutzten damals nichts, der Terrorismus stand schließlich vor der Tür. Um die Massen zu beruhigen wurde argumentiert, daß diese "wichtige Instrument der Terrorismusbekämpfung" nur abgefragt werden würde im Fall von schwersten Verbrechen. Keinesfalls würde es für Kleinigkeiten wie etwa die Entdeckung von Raubkopierern (allein das Wort ist eine Frechheit) benutzt. Nun, da konnte doch schließlich keiner was dagegen haben. Wir haben doch alle nichts zu verbergen, oder? Oder...? Nun, ab heute haben wir alle etwas zu verbergen, denn, man höre und staune: es wurde ein Auskunftsrecht über diese Daten verankert. Jedoch, wie das so ist: die Staatsanwaltschaften haben bereits vor einigen Monaten bemerkt, daß sie mit Verfahren wegen Urheberrechtsverletzungen lahmgelegt werden (allein bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe war damals die Rede von 20.000 anhängigen Verfahren). Nun, unsere Frau Zypries, nicht um Lösungen verlegen, fand natürlich einen Ausweg aus dieser Situation: was soll man noch die Staatsanwaltschaft belästigen? Lasst das doch die Medienindustrie selbst regeln. Und so kam, man glaubt es kaum, der Auskunftsanspruch der Medienindustrie gegenüber den Providern. Mit Hinweis auf die per Vorratsdatenspeicherung erfassten Daten. Erstaunlich. Nun, liebe Frau Zypries: wenn bereits das Kopieren einer CD private Organisationen dazu ermächtigt, von einem Instrument der Terrorismusbekämpfung Gebrauch zu machen, was unterscheidet dann noch den Kopierer vom Terroristen? Wieso soll jemand, der vielleicht schon mehrfach mit Haft bedroht ist wegen etwas, was eigentlich niemand - außer die geldgeilen Köpfe der Medienindustrie - nachvollziehen kann, nicht auch noch das Maß voll machen? Zwei Jahre Haft für's Kopieren? Klar, dann kann ich ja wenigstens noch Spaß haben und einem der Volksvertreter ein paar Knochen brechen. Gibt doch auch nicht mehr Haft für nen Ersttäter. Ach, und liebe Medienindustrie: ich kauf eurer Rotz trotzdem - und gerade deswegen - nicht. Möget ihr langsam und elendig verrecken. Genug Geld um euren Todeskampf eine Weile zu finanzieren habt ihr ja angesammelt. Zuletzt: lieber Leser. Vergiss nicht, ab heute warten auch auf dich schon welche, die dich in den Arsch ficken* wollen... * Der bewußte Film ist leider nicht mehr online. Wer in den letzten Jahren im Kino war sollte ihn kennen. Sonntag, 5. März 2006Macht der KameraEigentlich ist über dieses Thema ja schon viel geschrieben worden: Kann eine Kamera lügen? Ja, sie kann. Der Fotograf kann Standort, Bildausschnitt, Belichtung, Zeitpunkt und Perspektive so wählen, daß eine nahezu beliebige Aussage ins Bild gebracht wird. Er kann sogar von Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Bildern das auswählen, was seine Geschichte am besten transportiert. Das ist alles kein Geheimnis und erst recht nichts neues. Und trotzdem ist es immer wieder überraschend. Bei Spiegel Online gab es heute mal wieder einen "Augenblick". So nen der Spiegel Bilder, die nur mit einem extrem kurzen Textstück versehen sind und eine aktuelle Situation beschreiben sollen. Folgendes Bild war es heute:
Ein interessantes Foto, wie ich finde. Es stellt laut Aussage des Begleittextes den Protest der Bewohner der Stadt Kut gegen die herrschende Benzinknappheit dar. Was sagt dieses Bild aus? Vordergründig sieht man eine offenbar wutentbrannte Menge, die lautstark gegen irgendetwas protestiert. Im Hintergrund steigt Rauch auf. Gut sichtbar im Vordergrund wird eine Pistole geschwenkt. Jeder, der dieses Bild sieht und den Begleittext liest muss unwillkürlich denken "Hey, der Irak ist ein gefährliches Pflaster!". Und er mag sogar recht haben. Was aber sieht man eigentlich auf den zweiten Blick in diesem Bild? Denn das, was vordergründig zu sehen ist, ist nicht alles. Schaut man genauer hin, so stellt man fest, daß der Fotograf hier durchaus mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln nachgeholfen hat, damit dieses Bild die ihm scheinbar angemessene Dramatik erhält. Erstmal steht er sehr dicht an der Menge und hat eine eher weitwinklige Aufnahme gemacht. So wirkt er mitten im Geschehen, quasi schon von der aufgebrachten Meute bedrängt (man achte auf das angeschnittene Gesicht am unteren Bildrand und die leicht unscharfen Hände). Des Weiteren hat er seinen Standort so gewählt, daß im Hintergrund Rauch aufsteigt. Es ist also nicht einfach eine Demo, sondern dort brennt (sprichwörtlich) die Luft! Achtet man ein wenig auf den Hintergrund, so fällt auf, daß sich offenbar keiner der dort Abgebildeten zu ähnlichen Entrüstungsstürmen hinreißen läßt, wie die fotografierten Männer im Vordergrund. Vielmehr stehen die Leute dort scheinbar teilnahmslos herum. Keine nach oben geworfenen Hände, kein wildes Geschrei, keine Waffen. Fast so, als wären die Proteste gar nicht so aggressiv. Sehr schön ist dieser Unterschied zwischen Vorder- und Hintergrund an dem Gesicht des Mannes am linken Bildrand im Hintergrund zu sehen. Er ist der einzige weiter weg Stehende, der dem Betrachter erkennbar das Gesicht zudreht. Er schreit nicht, sein Kopf ist nicht gerötet. Er schaut vielmehr interessiert, fast schon erstaunt. Und auf jeden Fall so gar nicht passend zur Stimmung der Leute im Vordergrund. Hätte der Fotograf seinen Standort ein wenig geändert, sich etwas weiter weg gestellt, vielleicht etwas erhöht und hätte dieselbe Situation eingefangen, das Bild würde komplett anders wirken. Nach allem, was man aus diesem Ausschnitt beurteilen kann, wäre es wahrscheinlich eher eine Ansammlung von Leuten, die auf der Straße herumstehen. Von der vorgeblichen Dramatik wäre absolut nichts mehr zu spüren. Ich wage nicht zu behaupten, daß die Proteste dort das Flair ein Kaffeefahrt der Späthippietruppe "Peace 68" haben. Kann sein, daß sie gewalttätig sind. Doch jeder, der Nachrichten konsumiert (erst recht, wenn sie mit derartig emotional besetzten Bildern dekoriert sind) muss sich darüber im klaren sein, daß die Kamera eine nahezu perfekte Lügnerin ist. Sie ist ihrem Besitzer verfallen und erzählt bei richtiger Benutzung jede Geschichte, die dieser sich wünscht. Das Konzept der "Objektivität eines Fotos" ist schon immer eine Illusion gewesen.
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