Mittwoch, 19. April 2006
Daniel J. Solove schreibt einen lesenswerten Blog-Post (Englisch) über einen Artikel von William J. Stuntz, einem Professor von der Havard Law School. Dieser argumentiert, daß wir im Interesse unserer Sicherheit weniger Privatsphäre brauchen. Seine Argumentation ist typisch für die Verfechter eines starken, alles kontrollierenden Staates: Privatsphäre untergräbt die Möglichkeiten der Behörden, Kriminelle (oder neuzeitlich: Terroristen) zu fangen, wer nichts zu verbergen hat, muss sich ja keine Sorgen machen etc.pp. Wie viele Leute, die so argumentieren, übersieht Stuntz ein paar wichtige Probleme:
- Es gibt kaum einen Grund, dem Staat mehr zu vertrauen, als notwendig. Wie die Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, sitzen an den entsprechenden Stellen auch bloss Menschen, die aus Naivität, Überzeugung oder purer Machtgeilheit Informationen mißbrauchen und die Freiheit anderer Menschen einschränken. Ein "schönes" Beispiel bot die Regierung der USA im Zusammenhang mit dem Abhören von Telefonen ohne richterlichen Beschluss. Hier wurde sich über geltendes Recht hinweggesetzt. Was soll also den Bürger veranlassen, die Gesetzeshoheit (und damit auch das Gewaltmonopol) des Staates anzuerkennen, wenn dieser sich nicht an seine eigenen Regeln hält?
- Jeder hat etwas zu verbergen. All die Leute, die argumentieren "Ich hab doch nichts zu verbergen." sollten sich fragen, ob dies in der Tat so ist. Sie sollten sich überlegen, ob ihnen recht ist, wenn die Nachbarn all die Kleinigkeiten, die einem vielleicht peinlich sind, wissen. Sei es nun die Vorliebe für Frauen mit 130kg Lebendgewicht oder die versauten Gespräche, die man frisch verliebt mit der Freundin oder dem Freund geführt hat. Es sind nicht alles Verbrecher, die ihr Leben nicht an der Hauswand dokumentieren wollen.
- Data-Mining generiert Informationen, wo keine sind. Dieses Argument ist auf den ersten Blick ein wenig problematisch. Schließlich will sich ja niemand Informationen ausdenken, sondern vorhandene auswerten. Ein Problem entsteht hierbei dadurch, daß Informationen immer mehr sind, als ihre Summe. Nahezu jeder wird schon mal von Fällen gehört haben, in denen Förster im Wald auf Menschen geschossen haben, weil sie sie mit Tieren verwechselt haben. Das ist ein ähnliches Problem: eine unvollständige Datenbasis (Vollständigkeit einer Datenbasis ist nicht sinnvoll zu erreichen, solange man nicht auch die Gedanken kontrolliert) führt zu einer Aktion, die ein Fehler ist, für das Opfer aber fatale Folgen hat. Verschlimmert wird das Problem im Falle riesiger Datenbanken durch die Tatsache, daß dort Data-Mining durch Computer geschieht. Diese haben nämlich keinen "gesunden Menschenverstand", der sie vielleicht nochmal nachdenken läßt. Wenn ihre Indikatoren aufgrund der Datenbasis anschlagen, dann tun sie das. Die allgemeine Technikgläubigkeit verleitet viele Leute dazu, anzunehmen, daß Computer keine Fehler machen. Das mag hinsichtlich der Berechnung auch stimmen, jedoch könnte das Analysemodell, welches der Computer ausführt ja fehlerhaft sein. Derartige Überlegungen stellen aber nur die wenigsten an. Schlägt der Computer also wegen Terrorismusverdacht an, so wird jemand losrennen und sich darum "kümmern", mit wahrscheinlich unangenehmen Folgen für das Opfer. Steigt nun die Menge der erfassten Daten, so geraten immer mehr Leute, die vorher vielleicht aufgrund ihres "normalen" Lebensstils niemals in irgendwelchen Datenbanken der Geheimdienste ernsthaft auftauchten, plötzlich ins Visier der Data-Mining-Algorithmen. Die Grundfehlerrate wird vielleicht gleich bleiben (aber immer größer 0), die absolute Fehlerzahl steigt ins unermessliche. Das hat letztlich nicht nur gravierende Folgen für die vorhandene und erlebte Freiheit des Einzelnen, nein, es senkt letzten Endes die Sicherheit, da es Kräfte zur Überprüfung und Behebung der Fehler bindet.
- Mehr Überwachung trifft letzten Endes nur den unbescholtenen Bürger. Dieser kann nämlich all die Kleinigkeiten, die zu einem Freiheitsgefühl beitragen, nicht mehr tun. Die, die es treffen soll, nehmen für ihre Sache sowieso genügend Dinge in Kauf. Die aufwändige Schaffung eines passenden Profils um der Überwachung zu entgehen (Fälschung von Ausweisdokumenten, plastische Chirurgie, häufige Umzüge, evtl. kompletter Verzicht auf einen festen Wohnsitz, etc.) fällt da kaum noch ins Gewicht. Mehr Überwachung steigert also letztlich die tatsächliche Sicherheit nicht, sondern führt nur zu Mißtrauen und Paranoia.
Wesentlich umfassender legt Solove das in seinem Blog-Post dar, dem ich nur zustimmen kann.
Quelle 1: Concurring Opinions: William Stuntz's Misguided Theory of Privacy and Transparency
Quelle 2: Schneier
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